Interview mit MAM-Kunststoffspezialist Norbert Polatschek

Norbert Polatschek, Head of Technical Research, fühlt sich in der weiten Welt der Kunststoffe wie zuhause. Er weiß, welchen Materialien und Substanzen man trauen kann und welche nichts in ­ MAM-Produkten zu suchen haben. Ein Gespräch über Materialtrends, das freiwillige Übererfüllen von Normen und warum es manchmal besser ist, sich Zeit zu lassen.

Als Head of Technical Research ­beschäftigen Sie sich mit den Trends in der ­Kunststoffentwicklung – ­gerade bei Babyprodukten ein ­heikles ­Thema. Was tut sich ­gerade bei MAM? 

Norbert Polatschek: Wir sind absolut sicher, dass die Materialien, die wir derzeit einsetzen – unter anderem Polypropylen und Silikon –, die sichersten sind, die man bekommen kann. Es sind Materialien, die auch in der Medizintechnik eingesetzt werden, weil sie gesundheitlich absolut unbedenklich sind. Dennoch schauen wir uns natürlich laufend Alternativen an. Wir fragen uns, mit welchen neuen Technologien wir uns auseinandersetzen sollten oder welche Normanforderungen auf uns zukommen könnten. Wir beobachten die Diskussionen in den Medien. Ein ­aktuelles Thema ist zum Beispiel BPS: eine Substanz, die eine ähnliche Struktur wie BPA hat. Wir haben alle unsere Produkte auf BPS testen lassen – obwohl es dazu noch keine Norm gibt – und können jetzt sagen, dass sie auch diesbezüglich sicher sind. Um den Eltern die Wahl zu lassen, haben wir abgesehen von Kunststoffen, die perfekt und sicher für Babyartikel sind, als Alternative auch eine Glasflasche entwickelt. Außerdem tauschen wir uns mit unseren Lieferanten und den größten Materialherstellern aus. Wir versuchen immer, vorauszudenken, und zwar langfristig. Wir folgen nicht jedem Trend. 

Sie machen also keine zu ­schnellen Schritte.

Genau. Als Prinzip bei MAM gilt: ­Qualität geht vor Zeit. Wenn ein ­Materialtrend entsteht, aus welchen Gründen auch immer, dann wird dieser zunächst von uns analysiert. Gibt es Bedenken – und seien sie auch noch so klein –, ist das Thema für uns erledigt. Viele Materialien verschwinden schneller wieder vom Markt, als sie gekommen sind. Das bedeutet aber nicht, dass wir nicht immer schneller und effizienter mit unseren Innovationen werden wollen.

Warum gehen Sie bei vielen ­Ihrer Produkte über die gesetzlichen ­Normen hinaus?

Wir sind überzeugt davon, dass die ­weltweit geltenden Standards ­ausreichend für die Sicherheit der ­Babys sind, setzen unsere Limits aber höher an, um absolut sicher zu sein. Deshalb gibt es eine sogenannte MAM-Norm: Sagt die Vorschrift, dass man einen Schnuller mit 12 Kilo belasten können muss, dann sagen wir, dass er wesentlich mehr ­aushalten muss. Wir wollen deutlich ­besser sein, als es die Norm erfordert.

Wieso verwenden Sie zwei Materialien für Schnuller – Silikon und Naturkautschuk?  

Es haben beide ihre Vorteile: Silikon ist kochfest, temperaturbeständig und bei Haut- und Speichelkontakt völlig un­bedenklich. Außerdem hat es die Anmutung, hygienisch sauber zu sein, da es nahezu glasklar ist. Für eine Konsumentin oder einen Konsumenten sieht es einfach ‚clean’ aus. Latex oder Naturkautschuk wiederum ist sehr bissfest. Fest steht jedenfalls: Beide Materialien sind völlig unbedenklich!

Warum verwendet MAM keine ­recycelten und biobasierten Kunststoffe aus natürlichen Rohstoffen?

Firmengründer Peter Röhrig wirkte selbst aktiv am Aufbau des Österreichischen Kunststoff-Kreislaufs mit. Dies zeigt schon, dass uns die Themen Umweltschutz und Ressourcenschonung wichtig sind. Aus Zehntausenden Kunststoffen wählen wir gezielt jene wenigen aus, die am besten geeignet sind. Wenn wir aber nicht genau wissen, welche ­Materialien wiederverwertet wurden und eine absolute Sortenreinheit nicht gewährleistet werden kann, können wir keine ausreichende Qualitätsgarantie geben. Daher kommen recycelte Kunststoffe für uns nicht in Frage. Biokunststoffe sind ein weiteres interessantes Thema, welches wir uns in Hinblick auf deren technische Eigenschaften ansehen, um den hohen Qualitätsstandard halten zu können. Ein Schnuller darf nicht zerfallen, wenn er in kochendem Wasser sterilisiert wird – das ist bei abbaubaren Kunststoffen oft der Fall. Es gibt auch Materialien aus nachwachsenden Rohstoffen. Wir haben technische und Nachhaltigkeitsfragen für die Entscheidung zukünftiger Wege immer im Auge.

Vor welchen Herausforderungen steht MAM in der Kunststofftechnik?

Aus den vielen Hunderten Ideen, die wir haben, diejenigen herauszufiltern, die technisch machbar sind oder zukünftig möglich werden, langfristig Erfolg bringen und die Kundenbedürfnisse befriedigen. Dazu muss man die Ohren in alle Richtungen offenhalten, die richtigen Fragen stellen und mit erfahrenen Partnern und Lieferanten arbeiten. Wir schauen uns Technologien in anderen Branchen an und fragen uns, wie wir – und vor allem die Eltern und Babys – von technischen Trends profitieren können. Wir wissen, dass wir nicht alles wissen, und suchen gegebenenfalls aktiv nach Beratung durch externen Expertinnen und Experten.  

Das kleine Lexikon der Kunststoffe

› Biobasierte Kunststoffe

Kunststoffe aus nachwachsenden Rohstoffen (zum Beispiel aus Zuckerrüben), die derzeit nicht in MAM-Produkten verwendet werden, weil sie nicht ausreichend hitzebeständig und bruchfest sind.

› Bisphenol A (BPA)

Chemischer Stoff, der für die Herstellung von PC verwendet wird. Heftig kritisiert, da er unter Umständen dem Hormonsystem und anderen Körperfunktionen schaden kann. Seit 2011 ist BPA in Babyflaschen gesetzlich verboten, MAM verzichtet schon viel länger darauf.

› Bisphenol S (BPS)

Chemische Verbindung, die auch für die Herstellung von Polysulfonen eingesetzt wird und in Thermopapieren und Druckfarben zu finden ist. Eventuelle Gesundheitsrisiken sind wissenschaftlich noch nicht nachgewiesen, werden aber untersucht. MAM-Produkte enthalten kein BPS.

› Naturkautschuk

Natürlicher Rohstoff, der aus Latex, dem Milchsaft des Kautschukbaums, gewonnen wird. MAM verwendet frischen Naturkautschuk aus Thailand, wo er auch gleich zu Saugern verarbeitet wird.

› Polycarbonat (PC)

Thermoplastischer, wasserabweisender, durchsichtiger und stabiler Kunststoff, der BPA enthält. CDs bestehen z. B. aus PC. Wird in MAM-Produkten nicht verwendet, weil eine eventuelle Gesundheitsschädlichkeit nicht ausgeschlossen werden kann.

› Polypropylen (PP) 

Geruchloser und hautverträglicher Werkstoff, dessen chemischer Aufbau dem von Kerzenwachs ähnelt. Es wird in MAM-Produkten statt des BPA (Bisphenol A)-haltigen Polycarbonat (PC) verwendet und enthält keine Weichmacher.

› Polyvinylchlorid (PVC)

Thermoplastischer, spröder Kunststoff, der Phthalate (Stoffe, die als Weichmacher eingesetzt werden) enthalten kann, um plastischer gemacht zu werden. Wird etwa für Fußbodenbeläge verwendet. Da Phthalate sich lösen und in den Körper geraten können, enthalten MAM-­Produkte keine Phthalate und auch kein PVC.

› Silikon 

Ein transparenter, in der Medizin häufig eingesetzter Stoff, der aus Silizium und Sauerstoff besteht und ­dessen Struktur der von Quarz sehr ähnlich ist. Wird aufgrund gesundheitlicher Unbedenklichkeit gerne in MAM-Saugern eingesetzt.