Interview mit MAM-Gründer Peter Röhrig

Wohin geht die Reise? Im persönlichen Gespräch erklärt der Gründer und Geschäftsführer von MAM, wohin die Reise geht und warum Nachhaltigkeit für ihn Teil des Kerngeschäfts ist.

Als junger Kunststofftechniker ­haben Sie begonnen, über ­Schnuller ­nachzudenken. Heute leiten Sie ein weltweit tätiges Unternehmen. Haben Sie damals mit diesem Erfolg gerechnet?

Peter Röhrig: Nein, so konnte ich mir das nicht vorstellen, aber natürlich wollte ich etwas erreichen. Dabei spielten mehrere Faktoren zusammen: Ich fand – ­sicher mit Glück – die richtigen Partner, und wir setzten von Anfang an auf eine unschlagbare Kombination – Funktionalität, Design und Medizin. Die Mütter verstanden das sofort. Zusätzlich fanden damals große gesellschaftliche Umbrüche statt: Nach dem Krieg kauften die Menschen nur, was sie dringend brauchten. In den 60er- und 70er-Jahren wurden sie anspruchsvoller und wollten plötzlich gute Produkte haben. Das verstärkte sich mit dem steigenden Alter der Mütter noch, das mittlerweile bei über 30 Jahren liegt. Und obendrein sind unsere Produkte nicht sehr teuer. Ein Kinderwagen kann heute auch über 1.000 Euro kosten. Den besten Schnuller oder das beste Fläschchen für das eigene Baby kann sich jeder leisten.

Wenn die Kombination von ­Funktionalität, Design und Medizin zu Beginn die große Herausforderung war: ­Worüber zerbrechen Sie sich ­heute den Kopf?

Die Fragestellung ist gleich geblieben. Immer mehr Mütter in immer mehr Ländern haben diesen Anspruch an Baby­produkte. Das sehen wir beispielsweise in China: Ich hätte mir nie träumen lassen, dass MAM auf diesem Markt eine Chance hat! Auch dass wir heute Marktführer in Israel und Brasilien sind, war für mich unvorstellbar. Diese Kombination ist unser Erfolgsrezept.

Wachstum, Internationalisierung und Automatisierung – geht dadurch die familiäre Unternehmenskultur verloren?

Ich versuche, MAM sehr persönlich zu führen. Ganz am Anfang war ja nur ich da (lacht), erst in den 90er-Jahren haben wir im größeren Stil Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eingestellt und sind seither immer weiter gewachsen. Doch unser Geschäftsfeld ist und bleibt hoch­emotional: Wir arbeiten für Babys. Das verbindet, trägt zur tollen Atmosphäre und zum außerordentlichen Engagement unser Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bei. Natürlich freuen sie sich auch über finanzielle Vorzüge und unsere Corporate Benefits, aber deshalb sind sie nicht hier – sondern weil sie in dem, was sie tun, einen Sinn erkennen.

Das Thema Nachhaltigkeit ist in den letzten Jahren ins öffentliche Bewusstsein gerückt. Wann ­haben Sie begonnen, über ­ökologische und ­soziale Verantwortung ­nachzudenken?

Ich habe mich schon früh um die richtige Verwendung von Kunststoffen gekümmert. Anfang der 90er-Jahre war ich an der Etablierung der Altstoff Recycling Austria AG, kurz ARA, federführend beteiligt. Wenn Sie so wollen, habe ich es mitorganisiert, dass der Kunststoff in Österreich nicht die Donau hinunterschwimmt oder irgendwo eingegraben, sondern zu 97 Prozent wiederverwertet wird. Das hat sich ausgezahlt: Es gibt nur sechs oder sieben andere Länder auf der Welt, die diesbezüglich auf unserem Level sind.

Die neue ­Produktionsstätte in Kabin Buri ist ein ­Meisterstück der Energieeffizienz. Warum ist Ihnen das so wichtig?

Wir alle müssen uns mit den Themen Energie, Ressourcen und Umwelt auseinandersetzen. Durch viele ineinandergreifende Maßnahmen und clevere Planung sparen wir in Kabin Buri über 1.000 Tonnen CO2 pro Jahr ein. Die Kosten werden sich erst in acht Jahren amortisiert haben, es ist also eine langfristige Investition. Doch es wäre einfach unvernünftig, die Voraussetzungen nicht zu nutzen – immerhin ist es in Thailand immer heiß und meistens sonnig. (Herr Röhrig zückt sein Smartphone und öffnet eine App. Ein Liniendiagramm zeigt die Stromerzeugung der Photovoltaik-Anlage pro Tag.) Hier sieht man ganz genau, wie viele Kilowattstunden Strom wir pro Tag erzeugen – und wann Wolken über unser Werk gezogen sind. Ich verfolge das jeden Tag, es ist ein Riesenspaß!

Und wie nachhaltig sind eigentlich MAM-Produkte?

Wir achten im gesamten Produktlebenszyklus auf Energieeffizienz und den Schutz der Umwelt – das können Sie in diesem Bericht genau nachlesen. Und wir arbeiten laufend daran, noch besser zu werden. Ein Fokus liegt aber auch darauf, den Kundinnen und Kunden beim CO2- und Energiesparen zu helfen – zum Beispiel, indem sie unser Fläschchen nicht am Herd auskochen, sondern in der Mikrowelle sterilisieren. Auch bezüglich der Funktionalitäten unserer Produkte denken wir nachhaltig. Bei der Entwicklung des elektrischen Mikrowellen-Sterilisators haben wir Mütter gefragt, was sie brauchen. Das sind zwei Dinge: Sie müssen das Fläschchen reinigen und – wenn sie nicht stillen – die Milch in der Nacht schnell aufwärmen können. Also haben wir mehrere Funktionen in einem Gerät kombiniert, sogar Dampfgaren ist damit möglich. Das ist natürlich wesentlich praktikabler und sinnvoller, als sechs unterschiedliche Geräte im Küchenschrank stehen zu haben. Man muss eben nur etwas Hirnschmalz investieren.

Wie verhalten sich Funktionalität und Design zueinander? Als Techniker denke ich bei der Konstruktion zuerst über die konkreten Anforderungen an ein Produkt nach. Zusätzlich habe ich von Anfang an mit Designern zusammengearbeitet, die immer überlegen: Wie wird ein Schnuller oder ein Fläschchen verwendet? Wie arbeiten dabei die Hände und das Gehirn? Dieses Denken in Funktionen bestimmt unsere Arbeitsweise bei MAM, erst danach kommt ein schönes Design. Was da alles dahintersteckt, merken die Konsumentinnen und Konsumenten oft gar nicht. Form follows function – nicht umgekehrt!

MAM ist dafür bekannt, ­regelmäßig die eigenen Stakeholder zu befragen, wie etwa die Mütter beim ­elektrischen Sterilisator.

Wie ­wichtig ist die Marktforschung für die ­Produktentwicklung? Sehr wichtig! Und ich möchte dazusagen, was wir unter Marktforschung verstehen: Wir machen nicht nur Meinungsbefragungen, sondern wir geben Müttern funktionsfähige Produkte, die sie ausprobieren und bewerten können. Sie geben uns dann Feedback, was wir noch verbessern können. Unser Glück ist, dass die Mütter das gerne machen und sich freuen, wenn sie ihr Wissen mit uns teilen können. Wir haben unwahrscheinlich hohe Rücklaufquoten. Zusätzlich ist das Feedback von Healthcare Professionals extrem wichtig für uns. Wir arbeiten intensiv mit Pflegekräften und Ärztinnen und Ärzten zusammen, die sich unsere Produkte genau anschauen und uns immer wieder auf neue Ideen bringen.

Werfen wir noch einen Blick in die ­Zukunft: Was sind die ­großen MAM-Ziele für die nächsten 40 ­Jahre?

In drei bis fünf Jahren wird mein jüngerer Sohn Stefan die Firma übernehmen. Er hat eine technische und wirtschaftliche Ausbildung, hat beim Aufbau der amerikanischen MAM-Niederlassung mitgewirkt und betreibt momentan ein Start-up in den USA. Die Richtung von MAM wird zukünftig dieselbe sein, in die es schon vor 40 Jahren ging: Wir wollen nicht irgendwelche Gimmicks anbieten, sondern konkrete Produkte und Lösungen entwickeln, die einen Bedarf decken. Die Leute sollen sagen: Ja, von den MAM-Produkten habe ich etwas! Dass wir für Babys arbeiten, klingt sehr einfach – und ist gerade deshalb so überzeugend.